Ivan Witschi

Über Ivan

Geschichte

Vom Handwerk zur Skulptur

Schon früh fand ich Freude daran, mit den Händen zu arbeiten und aus einem Grundmaterial etwas Reales entstehen zu lassen. Als gelernter Zimmermann war Holz mein erster Werkstoff. Das handwerkliche Denken – ausprobieren, verstehen und Lösungen finden – begleitet mich bis heute.

Im Jahr 2023 entstand meine erste Skulptur. Auslöser war eine gesundheitlich schwierige Zeit. Die Kunst wurde für mich zu einer Form der Verarbeitung: Dinge, die sich nur schwer in Worte fassen liessen, konnten durch eine Form sichtbar werden.

Meine ersten Skulpturen waren stark von diesen Emotionen geprägt. Sie brachten Gefühle und Erfahrungen zum Ausdruck, für die mir damals die richtigen Worte fehlten.

Die ersten Skulpturen aus Holz, 2023
Die ersten Skulpturen aus Holz, 2023
Die ersten Skulpturen aus Holz, 2023

Formen, die Fragen offenlassen

Mit der Zeit begann mich die abstrakte Form immer stärker zu faszinieren. Ich wollte keine Skulpturen schaffen, die eindeutig sagen: «Ich bin das.» Mich interessierten Werke, die ein Fragezeichen hinterlassen und Raum für die persönliche Wahrnehmung des Betrachters öffnen.

Jeder Mensch kann in derselben Form etwas anderes erkennen. Genau diese Offenheit wurde zu einem wichtigen Teil meiner Arbeit.

Anfang 2026 wurde für mich deutlicher, in welche Richtung ich mich weiterentwickeln möchte: weiterhin abstrakt, aber näher am Menschen. Köpfe und Körper, die Emotionen vermitteln, ohne sie vollständig vorzugeben.

Lernen durch Machen

«Learning by doing» war schon immer mein Ansatz. Ich probiere etwas aus, mache Fehler und stelle mir die nächste Frage: Wenn es so nicht funktioniert – wie dann?

Auf diese Weise führte mich mein Weg von Holz über Modelliermasse und XPS-Hartschaum bis zu verschiedenen Gussverfahren und schliesslich zum 3D-Druck.

Bei einem meiner ersten Versuche mit Modelliermasse arbeitete ich mit patinierbarer Kupferfarbe. Damit begann meine Faszination für die chemischen Prozesse der Patina. Aus derselben Kupferfarbe können durch unterschiedliche Mittel völlig verschiedene Oberflächen entstehen. Der Prozess lässt sich nur bedingt kontrollieren – die endgültige Farbe bleibt deshalb immer auch eine Überraschung.

Erster Versuch mit Modelliermasse und patinierbarer Kupferfarbe
Erster Versuch mit Modelliermasse und patinierbarer Kupferfarbe

Weil sich grosse Formen aus Holz oder Modelliermasse nur schwer umsetzen liessen, begann ich mit XPS-Hartschaum zu experimentieren. An kleineren Formen untersuchte ich anschliessend, wie verschiedene Patinierungsmittel miteinander reagieren und welche Farben und Strukturen daraus entstehen.

Entwicklung einer grossformatigen Skulptur aus XPS-Hartschaum
Entwicklung einer grossformatigen Skulptur aus XPS-Hartschaum
Form- und Patinierungsversuche auf verschiedenen Oberflächen
Form- und Patinierungsversuche auf verschiedenen Oberflächen

Der erste Gipsguss eröffnete mir schliesslich eine weitere Möglichkeit: Eine entwickelte Form konnte nun reproduziert und in mehreren individuellen Oberflächen ausgeführt werden.

Der erste Gipsguss – ein weiterer Schritt in der Entwicklung meiner Arbeitsweise
Der erste Gipsguss – ein weiterer Schritt in der Entwicklung meiner Arbeitsweise

Vom digitalen Entwurf zum fertigen Werk

Die Idee, 3D-Druck für meine Skulpturen einzusetzen, beschäftigte mich schon länger. Ende 2025 begann ich, mich intensiv damit auseinanderzusetzen.

Da bestehende 3D-Modelle nicht den Formen entsprachen, die ich suchte, eignete ich mir das Erstellen eigener Dateien an. Mithilfe von KI entwickle ich digitale Ausgangsformen und überarbeite anschliessend jene Bereiche von Hand, die noch nicht meiner Vorstellung entsprechen.

Dabei lernte ich den gesamten Prozess kennen: vom digitalen Modell über die Aufbereitung im Slicer und die Auswahl des Druckmaterials bis zur Nachbearbeitung der gedruckten Form.

Der 3D-Druck ersetzt für mich nicht das Handwerk. Er ist ein Werkzeug, mit dem ich die Grundhülle einer Skulptur herstellen kann. Danach wird jede Oberfläche von Hand weiterbearbeitet, aufgebaut und veredelt, bis der technische Entstehungsprozess hinter dem fertigen Werk verschwindet.

Die eigene Formensprache

Bei der ersten Figur der Serie Becoming gab es einen entscheidenden Moment. Die Form und der Gedanke dahinter fühlten sich plötzlich richtig an: Das ist es. Das ist meine Sprache.

In diesen abstrakten menschlichen Figuren verbinden sich viele Themen, die mich beschäftigen: Gefühle, Entwicklung und das Potenzial, das in jedem Menschen vorhanden ist. Sie markieren keinen Abschluss, sondern den Beginn einer Richtung, die ich weiter erforschen möchte.

Anfang 2026 wurde mir bewusst, dass das Schaffen von Skulpturen für mich mehr als ein Hobby geworden war. Während der Arbeit verliere ich jedes Zeitgefühl und tauche vollständig in den Prozess ein. Was während einer schwierigen Zeit als Ausdruck und Verarbeitung begann, ist heute ein wesentlicher Teil meines Lebens.

Meine Arbeitsweise bleibt dabei dieselbe: ausprobieren, beobachten, lernen und weiterentwickeln. Denn jede neue Form beginnt mit einer Frage.

Becoming – der Beginn meiner eigenen Formensprache, 2026
Becoming – der Beginn meiner eigenen Formensprache, 2026